18.05.2018

Trend und Gegentrend

Mittags im Park: Menschen, die Entspannung und Bewegung in der städtischen „grünen Lunge“ suchen. Und noch mal eben schnell schauen, was sich auf WhatsApp, Instagram, Twitter oder in der E-Mail-Inbox tut. Buchstäblich alle starren auf ihre Handys oder monologisieren in das mit kurzem Abstand vor das Gesicht gehaltene Gerät.

 

Erste Psychologen und Kinderärzte mahnen besorgt, dass Babys, wie sie hier in großer Zahl in Kinderwägen durch die Anlage geschoben werden, seelischen Schaden nehmen könnten. Denn die Mütter und – seltener – Väter seien mit ihrer Aufmerksamkeit zerstreut im Netz und vernachlässigten die Zuwendung zu ihrem Nachwuchs und den für die erste Lebensphase so wichtigen Blickkontakt.

 

Auch wenn die Bedenken überzogen sind und von den Smartphone-Nutzern als rückwärtsgewandte Volkspädagogik abgetan werden – Fakt ist, dass die wunderbaren technischen Möglichkeiten der grenzenlosen Verfügbarkeit ihren Preis haben. Bezahlt wird in persönlichen Daten und in Aufmerksamkeit. Dass gerade die Währung Aufmerksamkeit mit erheblicher psychischer Belastung verbunden sein kann, belegen Arbeitsmediziner, die inzwischen in den Unternehmen immer erfolgreicher das Recht auf zeitweise Nicht-Erreichbarkeit einfordern. Gegen die selbst verursachte Angst etwas zu verpassen, sind aber auch die medizinischen Profis machtlos.

 

Hoffnung, dass sich das weltweit grassierende „FOMO“-Syndrom („Fear of missing out“) nicht nachhaltig gesundheitsschädlich auswirkt, machen uns Kulturwissenschaftler wie Lena Papasabbas vom Frankfurter Zukunftsinstitut. In einer aktuellen Studie im Auftrag des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel beschreibt die Autorin wie die allgegenwärtige Digitalisierung die Sehnsucht nach dem Echten, Anfassbaren, Natürlichen weckt. „Reizüberflutung, Leistungsdruck, ständige Verfügbarkeit – der Dauerlärm aus Informationen, Meinungen und Gleichzeitigkeiten lässt Achtsamkeit (engl. Mindfulness) zum wichtigsten Gegentrend unserer Zeit werden“, so die Autorin.

 

Das äußert sich in einem Revival von Handarbeiten wie Stricken, Einkochen von Marmelade oder häuslichem Werkeln (Baumarktwerbung: „Schwitz es raus.“). Yoga boomt ebenso wie Wellness und Natürlichkeit, wenn es um die persönliche Körperpflege geht. Die Renner im Zeitschriftensektor sind Titel wie „Landlust“ oder „Flow“, die bedächtiges und bewusstes Erleben in den Fokus rücken – samt neuer Begrifflichkeiten wie „Hygge“, was einem entspannten, skandinavisch behaglichen Lebensgefühl entsprechen soll. Ausgelebt wird dieses Bedürfnis nach „Achtsamkeit“ aber eher zuhause. Jedenfalls nicht im Park.

Foto oben: fotolia ©ikostudio–fotolia.com

Foto unten: fotolia © fizkes–fotolia.com

sea pr © 2018

 

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