27.09.2017

Alarm im Regal

Das Phänomen ist so alt wie der Journalismus. Mit der wachsenden Zahl an Service- und Verbraucherformaten im Fernsehen greift es nun allerdings immer stärker um sich. Gemeint ist der „journalistische Alarmismus“.

 

Entsprechende Beiträge in Magazinen wie „marktcheck“, „Plusminus“, „Servicezeit“ & Co. beschwören in plakativer Weise Gefahren und Missstände. Das Muster geht so: Ahnungslosen Verbrauchern steht eine skrupellose Industrie gegenüber, die nur aus Profitgier handelt und dabei Gift in Lebensmitteln und Kosmetika in Kauf nimmt oder Umweltzerstörung und soziale Ausbeutung verursacht. Der alltägliche Einkauf wird zum Gang in die Gefahrenzone, der Griff ins Regal zur Gewissensfrage.

 

TV-Autoren mit derartigem Sendungsbewusstsein wenden sich bei ihren Recherchen gerne an Verbände verbrauchernaher Industrien. Oft sind es Themen von branchenweiter Relevanz, die an Verbandsmanager herangetragen werden. In solchen Fällen übernimmt der Verband eine wichtige Aufgabe als Sprachrohr der Branche. Aber wie erfüllt man diese Funktion? Wie verhindert man ein Mediendesaster? Und vor allem, wie nutzt man die Chance, auch in einem kritischen Beitrag der Branchenposition eine positive Stimme zu geben?

 

An erster Stelle steht die Abstimmung mit den internen Kommunikationsverantwortlichen oder der externen PR-Agentur, um den Umgang mit dem Medium abzuklären. Eine Recherche über Autor, Format, geplante Story und die zugedachte Rolle im Beitrag hilft bei der Einschätzung des weiteren Vorgehens. Dabei ist abzuwägen, wie Verbandsmanager – gerade auch in Verbraucherformaten – ihr wirtschaftliches, wissenschaftliches und fachliches Know-how einbringen können. Gelingt ihnen das objektiv, glaubwürdig und kompetent, können sie trotz Kritik ein positives Branchenbild vermitteln.

 

Meist lässt schon die Durchsicht früherer Produktionen der jeweiligen Autoren darauf schließen, ob ein Beitrag nach dem Strickmuster einseitiger Panikmache geplant ist. In diesem Fall sollten die Interviewfragen schriftlich beantwortet werden. Dabei müssen Kommunikationsverantwortliche klare Botschaften und unmissverständliche Antworten liefern. Denn Zitate, die aus dem Zusammenhang gerissen werden, können schnell zu Missverständnissen führen.

 

In einen Dreh sollten grundsätzlich nur solche Verbandsmanager einwilligen, die im Umgang mit Interviews für das Fernsehen geübt sind. Das notwendige Handwerkszeug dafür lässt sich bei realitätsnahen Medientrainings mit Kamera und Mikrofon erwerben. Eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung zum eigenen TV-Auftritt ist der Verweis auf neutrale und daher besonders glaubwürdige externe Meinungsbildner.

 

Bereits vor dem Interview sollte eine Freigabe der genutzten Zitate vereinbart werden. Enthält der Film dennoch falsche Tatsachenbehauptungen, ist es ratsam, den Sachverhalt zu korrigieren – und zwar sowohl gegenüber dem Autor und den redaktionell Verantwortlichen als auch online über die eigenen Medien. Im Zeitalter der schnellen Auffindbarkeit solcher Filme im Netz sollte sich auch die Gegenposition leicht googeln lassen.

 

Ein gewisser Anteil an „Krawallformaten“ gehört zur medialen Realität. Die Einflussmöglichkeiten sind begrenzt und sollten sorgsam abgewogen werden. Oft bringt es keinen Vorteil, sich an unfairen Medienangriffen zu reiben und am Ende extremen Meinungen unfreiwillig noch mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Lohnender ist es, das überwiegend hohe Vertrauen der Konsumenten in die Industrie zu stärken. Das aktive Besetzen geeigneter Themen durch eine verbraucherorientierte Öffentlichkeitsarbeit ist langfristig das wirksamste Mittel gegen Alarmismus. Denn eines scheint sicher: Für „Alarm im Regal“ steht auch in Zukunft viel Sendezeit und Gebührengeld zur Verfügung.

 

Foto: fotolia ©Pavel Ignatov–fotolia.com

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